Die Wahl

Kurzstück

Uraufgeführt als eine dramatische Episode in Collage „Weltmeister – Aufstieg und Fall“
Konradhaus Koblenz, 20. 5. 2006

Collage/Regie: Oliver Munk

Projekt: Ingrid Sehorsch

Schauspieler: Gabriele Schmitz-Englitz, Stefan M.H. Weiß


Personen:
TÄNZER
FREUND

Der Tänzer übt Samba Tanzschritte, eine Tanzchoreographie. Er ist konzentriert,
leidenschaftlich, tanzt während des ganzen Gespräches.
Der Freund kommt. Er setzt sich auf den Stuhl, schaut Tänzer zu.

Freund (den Tanz kommentierend): … Hübsch.
Tänzer: … Nur hübsch. Leider.
Freund: Aber du übst fleißig.
Tänzer: Ja, ich bin fleißig.
Freund: Und, wann?
Tänzer: Wann – was?
Freund: … findet das Turnier statt?
Tänzer: Nächste Woche.
Freund: Wo?
Tänzer: Stadthalle.
Freund: Und?
Tänzer: Du hast gesagt – nur hübsch.
Freund: Ich habe gesagt – hübsch, du aber nur hübsch. Willst du
nicht gewinnen?
Tänzer: Ich will gewinnen.
Freund: Aber?
Tänzer: Es geht um den Zustand beim Tanzen, um die Einstellung,
den Wunsch zu haben.
Freund: Gewinner zu werden?
Tänzer: Gott zu sein. Tanzgott zu sein.
Freund: Ja, um zu gewinnen, soll man das zuerst wünschen. Der
Wille zählt. Das kann ich verstehen. Aber was anderes kann
ich nicht verstehen.
Tänzer: Was denn?
Freund: Ist das alles?
Tänzer: Wie meinst du das?
Freund: Im Leben. Ist das alles für dich?
Tänzer: Ja.
Freund: Und damit erreichst du alles?
Tänzer: Ja.
Freund: Und was willst du erreichen?
Tänzer: Freude. Eine totale bedingungslose Freude. Jene, die mich
ins Paradies befördert.
Freund: Und Umstände – Lebensumstände, spielen sie keine Rolle
in deinem Film?
Tänzer: Doch.
Freund: Was für eine Rolle?
Tänzer: Eine Nicht-Rolle. Ich schenke denen keine Achtung.
Freund: Und, das ist möglich? Kann man den Umständen wirklich
keine Achtung schenken?
Tänzer: Ja.
Freund: Wie denn?
Tänzer: Du denkst daran einfach nicht. Du bist immer Hier und
Jetzt. Wenn du isst – denkst du an das Essen. Wenn du
spazierst – denkst du nur an den Spaziergang. Wenn du
tanzt, denkst du nur an das Tanzen.
Freund: Wieso tanzt du jetzt, und redest mit mir zugleich?
Tänzer: Ich tanze, du aber willst reden.
Freund (nach einer Pause): Darum geht es ja auch.
Tänzer: Ja, es geht immer um die Umstände.
Freund: Es geht um … Lydia. Sie ist bei mir. Mit ihrem Koffer.
Tänzer (nach einer Pause): Sie hat mich verlassen?
Freund: Da ist ihr Brief, an dich.
Tänzer liest den Brief. Stille. Er starrt das Publikum an. Dann zerknittert den Brief und wirft ihn weg.
Tänzer: Alles im Leben ist in der Wandlung.
Freund: Liebst du sie nicht?
Tänzer: Doch. Aber sie liebt mich nicht. Kannst du ihr weiter helfen?
Freund: Es gibt noch etwas.
Tänzer: Ist sie schwanger?
Freund: Ja.
Tänzer (lachend): Scherz, oder?
Freund: Nein.
Tänzer schaut Freund unentwegt an.
Tänzer (nach einer Pause): Du weißt – ich bin kein Familienmensch.
Freund: Woher willst du das wissen?
Tänzer: Ich weiß das, weil ich doch eine freie Wahl habe. Ich bin
Tänzer von Natur aus und ich will Tänzer sein: ich will Eins
mit der Natur sein.
Freund: Lydia hat dasselbe über dich gesagt.
Tänzer: Wen willst du dann zur Rechenschaft ziehen?
Freund: Es ist schade um das Kind.
Tänzer: Dass sein Vater Tänzer und die Mutter verständnisvoll ist?
Freund: … Wie du willst. Aber trotzdem tut mir das Kind leid.
Tänzer: Kennst du das Wort „Hingabe“?
Freund: Ja.
Tänzer: Das ist das Tanzen für mich – die Hingabe.
Freund: Wieso?
Tänzer: Wieso?
Freund: Du tanzt nur so. Du willst sogar nicht Tanzlehrer werden.
Und alle deine Turniere, Wettkämpfe und Wettspiele – der
Preis ist kein Geld.
Tänzer: Geld? Geld ist keine Triebkraft für mich.
Freund: Sondern?
Tänzer: Nur im Tanz kann ich meine Ängste, meine Niederlagen,
meine Bangigkeiten vergessen. Nur im Tanz kann ich
existieren.
Freund: Das ist selbstsüchtig für mich. Hinsichtlich dem Kind.
Tänzer: Zwischen dem Tanzen und dem Kind – habe ich gewählt.
Freund: Weiß das Kind Bescheid darüber?
Tänzer: Nein.
Freund: Hat das Kind eine Möglichkeit gehabt, zwischen dem
Vater-haben und nicht Vater-haben zu wählen?
Tänzer: Hast du eine solche Wahl gehabt?
Freund: Nein.
Tänzer: Ich ebenfalls.
Freund: Aber wir haben Väter gehabt.
Tänzer: Ich war deswegen nicht glücklich.
Freund: Wir haben Väter gehabt, um von ihnen zu lernen, nicht nur
was als Vater zu tun ist, sondern auch zu lernen was als Vater NICHT zu tun ist.
Tänzer: Dann kannst du mir einen Gefallen tun. Sei Vater meinem Kind. Willst du?
Freund lacht verwirrt.
Freund: Du wirfst alles weg.
Tänzer: Nein, ich nehme das Leben in die eigenen Hände.
Freund zündet eine Zigarette an.
Freund: Wie fühlst du dich wenn du tanzt?
Tänzer: Wie?
Freund: Ja. Wie fühlst du dich wenn du tanzt?
Tänzer: … Frei.
Freund: Frei?
Tänzer: Ja.
Freund: Das Tanzen ist deine freie Wahl, oder? So hast du gesagt, nicht?
Tänzer: Ja.
Freund: Und du hast niemals einen anderen Wunsch gehabt als Tänzer zu werden?
Tänzer: … Als Kind wollte ich reich werden.
Freund: Wieso bist du nicht reich geworden?
Tänzer (lachend): Das frage ich mich auch.
Freund: Hast du kein Zeug zum Reich-werden?
Tänzer (lachend): Wie sieht dieses Zeug aus? Vielleicht habe ich es gehabt aber mit der Zeit ist es verschollen.
Freund (ernst): Du wolltest einen Laden betreiben, das hast du mir einmal
erzählt. Einen Blumenladen, oder so was, oder?
Tänzer: Sind Blumenladenbesitzer reich?
Freund: Manche schon.
Tänzer: Solche habe ich leider nicht kennen gelernt. Und deswegen bin ich Tänzer geworden.
Freund: Und das nennst du freie Wahl?
Tänzer: Ja.
Freund: Nein.
Tänzer: Was – nein?
Freund: Das was du gemacht hast – das war keine freie Wahl. Deine Fähigkeit hat statt dir gewählt, nicht du selbst.
Tänzer: Und wo ist der Unterschied?
Freund: Du musstest Tänzer werden, weil du keine andere Wahl
gehabt hast.
Tänzer: Ah so?…Was hätte ich tun sollen? Ein Möchtegernreich werden?
Freund: Hast du es versucht?
Tänzer: Nein. Ich wollte Tänzer werden.
Freund: Weil du keine andere Wahl gehabt hast.
Tänzer (hört auf zu tanzen): Worauf willst du hinaus?
Freund: Jetzt hast du eine Chance. Die freie Wahl zu treffen.
Tänzer: Wie meinst du das?
Freund: Du bist jetzt voll frei eine Wahl zwischen Lydia und dem Tanzen zu treffen. Du magst Lydia und du magst tanzen.
Tänzer: Das ist keine freie Wahl.
Freund: Warum nicht?
Tänzer: Weil Lydia mich jetzt zwingt sie zu heiraten.
Beide schweigen.
Freund: Tanzen oder gar nichts?
Tänzer: Ja. Tanzen oder gar nichts.
Freund geht weg. Tänzer klatscht einmal, Sambamusik.
Er tanzt.